Der Umgang mit der Einsamkeit

Juni 13, 2018 2 Von Justus Zeemann
Einsamkeit

Der Umgang mit der Einsamkeit

In diesem Artikel gehe ich darauf ein, was die “Einsamkeit” des Reisen für mich bedeutet und was ich als Ursache ansehe. Wenn du ein Problem mit der Einsamkeit hast, helfen dir vielleicht meine Möglichkeiten und Tipps, damit anders umzugehen.

Vorher möchte ich dir jedoch kurz erklären, wo ich herkomme, was meine Ausgangssituation ist und wie ich den Begriff “Einsamkeit” definiere.

In meiner Kindheit war ich nie in großen Gruppen beteiligt und habe nie wirklichen Anschluss zum Mainstream gefunden. Weder in der Schule, noch in Freizeit- oder Sportgruppen war ich „Massenkompatibel“. Trotzdem ist es mir gelungen in den Jahren meiner “Jugend” drei feste Freundschaften aufzubauen, welche ich nun schon 18, 13 und 10 Jaher lang pflegen darf. Irgendwann war mir klar, dass ich nicht “everybodys darling” sein muss.
Ich startete mein Leben als digitaler Nomade “erst” im Alter von 31 Jahren, und hatte somit bereits vorher meine soziale Basis in Deutschland aufbauen können. Da mir diese drei Menschen neben meiner Familie besonders wichtig sind, ist einer meiner Fokuspunkte diese Beziehungen auch während meiner anhaltenden Reisen aufrecht zu erhalten.

Ich glaube, dass “der Mensch” ansich ein soziales Wesen ist, welches seine engsten Freunde in jungen Jahren findet. Es braucht eben seine Zeit Vertrauen aufzubauen, die Sorgen und Ängste sowie Erfolge und Entwicklungen des Anderen zu erleben und zu verstehen. Der hierfür nötige konstante Austausch und das Teilen gemeinsamer Erfahrung und Zeit ist beim Reisen schwer möglich. Wenn diese Beziehung nicht vor dem Reisen geschaffen wurden, würde ich vermuten, dass ich dies am leichtesten mit einem Reisepartner aufbauen kann, mit dem ich viele Monate oder vielleicht sogar Jahre gemeinsam reise.
Gleichzeitig denke ich jedoch, dass man gerade in den jungen Jahren so viel wie möglich reisen sollte, damit man viel von der Welt sieht und weiß was man wirklich möchte. Diese beiden Punkte müssen sich meiner Meinung nach aber nicht ausschließen. Wer das normale, europäische Bildungssystem durchläuft, ist – meistens – lange genug mit den gleichen Menschen zusammen, um echte Freundschaften zu entwickeln und kann trotzdem zwischendurch auf Reisen sein.

Die Einsamkeit über die ich hier schreibe ist nicht das “Alleine im Café sitzen”. Es ist nicht das “Alleine im Gym trainieren” oder die “Folge auf Netflix”, die man sich alleine gönnt. Es ist die langanhaltende “Isolation” aus dem gewohnten sozialen Umfeld, dass man sich über Jahre und vielleicht Jahrzehnte erschaffen hat – sowohl durch Familie wie auch durch Freunde. Es ist das Gefühl, mit dem man am Nachmittag in seinem Apartment sitzt und weiß, dass sich bis zum Abend keiner seiner „Buddies“ melden wird, um etwas zu unternehmen. Es ist die fehlende Bestätigung durch die Freunde, die sich automatisch ergibt, wenn man sich zum Grillen zusammen setzt oder Billard spielen geht. Man vermisst die Zeit mit den Menschen, denen der Status nicht wichtig ist, die einen gut kennen und schon immer so akzeptiert haben, wie man ist. Natürlich trifft man auf Reisen viele neue Leute und ist nicht alleine, aber das ist für mich nicht dasselbe, wie die Zeit mit den Freunden zu verbringen. Es ist ein anderes Beisammensein, sich mit neuen Leuten zu treffen und zum x-ten mal zu erklären, was man mit seinem Leben so anfängt.

Nicht jeder hat ein “Problem” mit dieser Einsamkeit. Nicht jeder hat das Bedürfnis nach festen Freundschaften oder einer unbegrenzten Vertrauensbasis. Viele der von mir getroffenen Reisenden sind mit einer oberflächlichen Begegnung zufrieden und sehnen sich nicht nach dem oben beschriebenen. Dies ist für mich wichtig zu bedenken – dieser Artikel richtet sich jedoch an “die Anderen” ; )

Als langsam reisender digitaler Nomade verbringe ich wenig Zeit in Hostels und miete mir stattdessen langfristig Apartments für mich alleine. Durch meine Arbeit brauche ich meist meine Ruhe und kann daher auch weniger effektiv in CoWorking Spaces arbeiten.
Wenn ich in eine neue Stadt komme, erkunde ich in die ersten paar Tagen täglich mindestens 2 Stunden die Umgebung. Das tue ich zu Fuß und mache mich so mit der Region langsam und bewusst vertraut. Ich suche mir recht schnell ein Café oder Restaurant, in welches ich immer wieder gerne gehe. Dies besuche ich ein bis zweimal die Woche. Das Gleiche, mit dem Einkaufsladen/Kiosk. Auch, wenn man dort vielleicht nicht die besten Freunde trifft, hat man einen Bezugspunkt zu dem man immer wieder zurückkehren kann und baut sich eine gleichbleibende Umgebung auf. Dies schafft etwas Ruhe im Leben. Ein paar Worte in der Landessprache zu lernen bewirkt oft Wunder und hilft beim Umgang mit den Angestellten. Gerade ein lächelndes “Danke” sowie “ja”, “nein“ und 1, 2, 3 sind nicht verkehrt, nicht schwer zu erlenen und zaubern vielen Locals schnell ein Lächeln ins Gesicht.

Wenn du dich bereits auf Reisen befindest und nicht die Möglichkeit hattest langfristige Freundschaften aufzubauen, kannst du durch verschiedene digitale Portale und Möglichkeiten Anhang oder Austausch finden. Vielleicht findet sich dort ein Reisepartner, mit dem du eine tiefere Beziehung aufbauen kannst.
Hier möchte ich dir einige Möglichkeiten auflisten, wie du neue Menschen treffen kannst. Ich würde mich dabei auf den Bereich konzentrieren, der mir am meisten Spaß macht. Denn wenn ich Spaß habe und glücklich bin, steckt das andere meist an und es entsteht ein gutes Klima, welches die Bindung erleichtert.

 

Digitale, soziale Netzwerke

Facebook:

Auf Facebook findest du weltweit verschiedene Communitys für digitale Nomaden, Backpacker, permanent Reisende und deine Hobbys. Wenn du keine Gruppe zum Reisen suchst oder keine langfristigen Beziehung aufbauen möchtest, kannst du mit lokalen Gruppen für deine Hobbys schnell Anschluss finden. Sie möchten sich mit dir austauschen, von dir lernen und du kannst von ihnen lernen. Das sich hierrüber jemand deinem Lebensstil anschließt und bereits nach 1-2 Monaten mit dir weiter reist, ist jedoch eher unwahrscheinlich.
Die anderen Facebook Communitys (Nomads, Backpacker, etc.) eignen sich hierbei eher um Travel Buddies zu finden  – oder Erfahrungen gegen die Einsamkeit auszutauschen ; )

 

Tinder:

Auf Tinder kann man sowohl als Frau, wie auch als Mann gute neue Kontakte knüpfen. Auch wenn das Netzwerk eher den Ruf für den horizontalen, physikalischen Austausch hat, gibt es hier die Möglichkeit durch ein klares Statement im Profil, die richtigen Menschen kennenzulernen und Einblicke in das Land zu erhalten, in dem man gerade lebt. Viele Reisende nutzen diese Plattform zum Austausch und daher findet sich vielleicht sogar ein Reisebegleiter. Zwar ist es hier nicht so einfach, die Einsamkeit innerhalb von Minuten zu bekämpfen, aber man kann sich kontrolliert und langfristig mehrere “kurzzeit” Freundschaften aufbauen und diese somit immer bei Bedarf kontaktieren und im voraus für den Abend organisieren.

 

Couchsurfing:

Auf dem Portal zum Couchsurfing findest du verschiedene Möglichkeiten zu Hangouts und Meetups, welche unabhängig von einer Übernachtung stattfinden. Du kannst dich dort unverbindlich mit Fremden treffen und über deine Erfahrungen und auch Gefühle quatschen. Manchmal gelingt es dir hier genauso gut wie auf Tinder bessere Beziehungen aufzubauen, aber ähnlich wie bei den lokalen Sportvereinen sind die Menschen eher ortsgebunden und daher mehr für kurzfristiges zu haben.

 

CoWorking Spaces

In sogenannten “CoWorking Spaces” teilst du dir mit anderen Schreibtische, Internet und den Antrieb zum Arbeiten. Du kannst dich dort sicherlich mit anderen digitalen Nomaden zusammentun und arbeiten. Auch viele Locals sind dort anzutreffen, wobei hier öfter das Problem besteht, dass die lokalen Coworker nachdem sie ihre Arbeit vollbracht haben, wieder ihrem normalen Leben nachgehen und dir nicht unbedingt “von alleine” zur Verfügung stehen. Daher solltest du hier die Initiative ergreifen  und aktiv den Kontakt suchen, nach Freizeitaktivitäten fragen und gemeinsame Unternehmungen planen.

 

CoLiving Spaces

Um der Problematik des “Nachhausegehens” der Coworker zu entkommen, wurden bereits sogenannte CoLiving Spaces geschaffen. In diesen Gemeinschaften kannst du mit anderen digitalen Nomaden oder Reisenden zusammen leben und arbeiten. Der Vorteil hierbei ist zum Einen, dass die gleichen Leute meistens ein bis zwei Monate zusammen in der gleichen Stadt wohnen und sich dadurch besser kennenlernen. Zum Anderen, dass die Leute, die in diesen Communitys leben, wirklich arbeiten möchten. Sie gehen dementsprechend  tagsüber ihrem normalen digitalen Handwerk nach und gestalten dann je nach Wunsch ihre Abende und Wochenenden gemeinsam. Somit teilen sie die bereits erwähnten Erfahrungen, Erfolge, Ängste und Nöte miteinander. Wenn dir eine CoLiving Truppe gefällt oder du einen “Buddie” gefunden hast, kannst du mit ihm und dem “Tribe” zusammen reisen, dich austauschen, Erfahrungen sammlen und vielleicht die eine oder andere feste Freundschaft aufbauen.

 

Große Events für die Community
Es gibt bereits viele verschiedene größere Events für digitale Nomaden. Hier drei Beispiele:

Nomad Cruise: Eine Kreuzfahrt, die derzeit zweimal im Jahr stattfindet, und digitale Nomaden für mehrere Tage gemeinsam zusammenhält. Der Tag ist gefüllt von Talks angesehener Speaker, Workshops und Meet Ups. Dazu gibt es Sport und Musik, Ausflüge und Discotime. Durch den “langen” Aufenthalt und das sehr internationale Publikum findet man hier sicherlich den ein oder anderen interessanten Menschen, mit dem man nach der Cruise seine Zeit verbringen möchte. Generelle Empfehlung: Vor und nach der Cruise mindestens 1 Woche einplanen, danach eher 1 Monat ; )

Die Nomad Summit findet einmal im Jahr in Thailand statt und erlaubt es dir, dich vor Ort mit anderen digital Nomaden zu verbinden, ihr Reisepläne zu erfahren, von ihnen zu lernen, ihnen etwas beizubringen und somit vielleicht Freundschaften und Beziehungen aufzubauen. Du kannst hier sicherlich auch verschiedene Reisegruppen bzw. Reisepartner finden.

Einmal im Jahr findet die sogenannte Mindvalley statt. Dies ist eine einmonatig andauernde Veranstaltung, die versucht möglichst gleichgesinnte Menschen im Bereich der Produktivität, des Lifestyles und des gemeinsammen Interesses zusammenzuführen und ihnen möglichst viel Wissen mit auf den Weg zu geben. Der große Vorteil ist, dass die meisten Teilnehmer, wie auch bei der Nomad Cruise oder der Nomad Summit, daran interessiert sind, digital zu arbeiten, zu reisen und etwas zu erschaffen.

Der generelle Vorteil von diesen drei Events liegt darin, dass du deinen Gegenüber wirklich über längere Zeit sehen, dich mit ihnen austauschen und sie kennenlernen kannst.

Die Einsamkeit ist ein ständiger Begleiter, soviel ist mir bewusst. Wenn man sich für einen reisenden Lebensstil entscheidet, muss man sich damit arrangieren. Sie sollte einen aber nicht entmutigen – es ist eine Chance – denn alles hat zwei Seiten. In diesen Situationen und Momenten lernt man viel über sich selber und kann dadurch wachsen.